Interview von Andrina Tauber vom 11.11.2025.
Rahel Sonderegger ist in Rüschlikon als Einzelkind aufgewachsen. Sie ist verheiratet und ist Mutter von zwei Töchtern, die 18 und 20 Jahre alt sind. In ihrer Freizeit, als Kind aber auch als Jugendliche, hat sie sehr gerne Kleider für sich genäht. Da sie ein ‚Pummelchen‘ als kleines Kind war, fand sie selten die Kleider, die ihr wirklich passten. Sie fand nie die richtige Mode für sich selbst, sie war extrem heikel und wollte, dass alles perfekt war. Es gab nichts Passendes bezüglich Mode in dieser Zeit. Rahel ging in diese schönen und teuren Läden wie zum Beispiel Gucci oder Chanel und solche Kleidergeschäfte, um sich umzuschauen, was ihr gefällt, dann probierte sie das ausgewählte Kleidungsstück an. Sie merkte sich, wie es aussah, welche Grösse es hat und aus was für einem Stoff es hergestellt wurde. Sie hat das Kleidungstück immer versucht nachzunähen, doch es funktioniere nicht immer. Doch sie gab nie auf, es war eine Motivation weiterzumachen. Eigentlich entstand aus der Not die richtige Lösung. Sie machte auch sehr gerne Städte Trips. In diesen Städten ging sie dann auch sehr gerne in diese Läden, um neue Ideen zu sammeln. Durchs Tragen spürte sie es heraus, ob das Kleidungsstück passt.
Sie genoss ihre Kindheit eigentlich gar nicht. Sie hatte Eltern, die sie liebten, doch sie hatte zum Beispiel, im Kindergarten sehr Angst, wenn es Nebel hatte und blieb dann zuhause, weil sie befürchtete, dass sie den Weg nicht finden würde. In der Schule zum Beispiel hatte sie Angst, wenn Jungs sich prügelten und war dann sehr froh darüber, wenn sie wieder nach Hause gehen konnte, zurück zu ihrem sicheren Platz. Für Rahel war Kleidung ein äußerer Schutz. Ihr erster Traumberuf war derselbe, der Ihre Mutter hatte, sie war Hausfrau. Nachdem sie diesen Beruf doch nicht mehr ausüben wollte, bekam sie Interesse im Spital als Krankenschwester zu arbeiten. Doch sie merkte, dass auch das nicht ihr Ding war, da ging sie viel lieber auf den Pferdehof und half dort aus bei der Stallarbeit und als Gegenleistung durfte sie dann zwischendurch mal reiten gehen. Auf diesem Hof lernte sie auch das Reiten. Sie machte weiter mit dem 10 Schuljahr, weil sie sich nicht sicher war, mit den Berufen, die sie schon kennengelernt hatte. In dieser Zeit hatte sie nur Jungs als Kollegen und keine Mädchen. Rahel hatte zwischendurch schon mal Kolleginnen, doch diese sind ihr aus irgendeinem Grund in den Rücken gefallen. Deshalb machtet sie ihr 10. Schuljahr in einer Frauenfachschule, da sie Neues kennenlernen wollte. So traf sie dann auch auf die richtigen Kolleginnen. Im Gebäude nebenan, war die Handarbeitsschule. Dort machte sie dann auch Ihre Ausbildung als Schneiderin. In dieser Zeit hatte sie eine sehr tolle Lehrerin, die auch heute noch in Hinteregg wohnt. Ihr Name ist Luzia Linder, sie unterrichtete sehr lange im Bützi und hilf jetzt zwischendurch noch aus. Sie genoss diese Zeit sehr. Sie sagte, dass sie sehr als Vaterkind aufwuchs. Das Feminine hatte sie nicht so doll in sich, wie andere Mädchen in Ihrem Alter. Da dieser Beruf nur von Frauen ausgeübt wurde, lernte sie es wirklich kennen.
Als Abschluss der Lehrzeit brachte ihr eine Lehrerin bei, wie sie auf einem Laufsteg richtig laufen soll. Die Auszubildenden stellten ihre eigenen designten Kleider auf dem Laufsteg vor. Sie fand es eine harte Arbeit, die Ihr selber nicht wirklich gut gefiel. Sie fand, dass ihre Handarbeit immer langweilig war, darum wollte sie etwas daran ändern. Sie verkaufte während ihrem Studium als Schnitt-Technikerin in einem Laden Stoffe. Wenn es mal jemanden gab, der nachfragte, wo man den Stoff auch schneidern könnte, übernahm sie das und hatte somit ihre eigenen privaten Aufträge. So konnte Rahel ihr Leben in einer WG finanzieren. Nebenbei tanzte sie sehr gerne. Wenn sie auf einen Ball ging, schneiderte sie sich ihr Kleid selber, weil sie nie wollte, dass jemand das gleiche Kleid trug wie sie. In ihrer jetzigen Freizeit ist sie Lehrerin in der japanischen Kampfkunst namens Aikido, es bringt ihr den Ausgleich im Leben. Und dazu reitet sie immer noch.
Ihr Atelier hat von Montag bis Freitag, von 08.00Uhr bis 12.00hr und von 13.30Uhr bis 17.00Uhr geöffnet. Doch am Dienstag macht Rahel Pause. Rahel macht auch Termine auf Vereinbarung. Ihr ist es persönlich sehr wichtig, dass sie dem Kunden genügend Zeit und Aufmerksamkeit schenken kann. Es macht alles Sinn, sagte sie. Als Ihre Grossmutter gestorben ist, sagte man in der Familie, dass ihre Nähmaschine der Schneiderin in der Familie weitergegeben wird. Erst da merkte sie, dass ihre Grossmutter auch Schneiderin war. Durchs Aikido ist sie oft in der Romandie. Dort fühlte sie sich schon immer sehr wohl, doch warum weiss sie noch nicht so lange. Ihr Urgrossvater, der auch Schneider war, lebte im Wallis. Als er in die Deutschschweiz kam, lernte er seine zukünftige Frau kennen. Zusammen lebten sie dann in Ossingen. Das Problem war, dass sie genau in die Industrialisierung kamen. So hatte er keine Arbeit mehr und musste das Nähen aufgeben. Er stellte alles in den Estrich und nähte nur noch ganz selten in seiner Freizeit. So musste er den Beruf wechseln, er lernte dann Coiffeure. Im Schaufenster schnitt er dann den Leuten Ihre Haare. Rahel bekam vor kurzen seine alten Sachen. Dabei sind eine Schere und eine Bürste, die man fürs Ausbürsten von Sitzglanz braucht. Sie war nie stolz darauf, Schneiderin zu sein, weil es schon immer ein schlecht bezahlter Beruf war. Sie verdiente bei ihrer ersten Arbeitsstelle 1‘200 Franken. Mit diesem Geld kann man nicht leben. Sie suchte immer nach etwas Anderem. Doch Rahel merkte dann, dass dieser Beruf ihre Bestimmung war und er zu ihr gehört. Etwas das Rahel Sonderegger sehr an ihrem Beruf als Schneiderin gefällt ist, dass wenn das Kleidungsstück der Kundin gefällt und sie dann sagen kann, dass sie sich viel hübscher findet und dass sie sich sehr wohl darin fühlt. Sie gibt den Kunden immer genügend Zeit, um die Kleidung nochmals anzuprobieren und um zu schauen, ob es ihnen gut gefällt und ob alles passt. Es macht sie glücklich, wenn sie jemand anderen glücklich machen kann. Ihr Lieblingsteil ihres Berufes als Schneiderin ist es, Schnittmuster zu zeichnen. Für das ist es extrem wichtig ein gutes dreidimensionales Verständnis zu haben und das besitzt sie. Sie schafft es, eine Abwicklung vom 3-Dimensionalen zum 2-Dimensionalen zu erstellen. Wenn sie ihren Kunden betrachtet, sieht sie jede Form direkt und kann es dann auch auf Papier und natürlich auf dem Stoff anwenden. Man kann es zum Beispiel mit den Würfeln in Geometrie vergleichen. Dort muss man auch die Häuschen abzeichnen, um die Abwicklung zu bekommen. Das Gleiche ist es beim Menschen, es handelt sich immer um das gleiche Prinzip. Für sie ist das selbstverständlich, dass es so funktioniert. Wenn sie Kleider schneidert, nimmt sie die genauen Masse und berechnet aus dem alles Wichtige.
Dass sie diesen Laden in Egg gefunden hat, ist purer Zufall. Es war für sie ein grosser Schritt, ihr eigenes Atelier zu eröffnen, man muss nur Mut haben, dann schafft man alles. Zuvor war der Buchladen Pfannenstiel in diesem Lokal drin. Ihre Tochter war schon immer ein Bücherwurm. Daher gingen sie immer wieder in diesen Bücherladen rein, um ein bisschen herumzuschauen oder um neuen Lesestoff zu kaufen. Einestages bemerkte ihre Tochter per Zufall einen Zettel, der an der Scheibe klebte, auf dem stand, dass die Bücher 50% reduziert waren. Sie wollte unbedingt rein gehen, um ein paar neue Bücher zu kaufen. Doch es war gerade Mittagszeit und so war der Laden geschlossen, also wollten sie um 18.00hr nochmals hin gehen. Rahel dachte, dass ihre Tochter es sowieso vergessen wird. Als es dann 18.00Uhr war, fragte sie nach und sie gingen nochmals in den Bücherladen hinein. Rahel schaute dann nochmals den Zettel genauer an und nebenan lag ein anderer auf dem stand, dass das Ladenlokal zu vermieten sei. Sie schaute sich herum und merkte, dass es der perfekte Laden wäre, um ihr Atelier einzurichten. So fragte sie nach und bekam dann auch die Möglichkeit ihr Atelier dort einzurichten. Das tolle am Laden ist, dass er ein grosses Schaufenster hat und man dabei zuschauen kann, wie sie die Kleider schneidert. Es kommen immer wieder Menschen vorbei, um ein bisschen zu schauen und mit ihr zu sprechen. Auch der Brunnen, der im Atelier steht, ist sehr beliebt. Früher kamen oft die Kinder von Bützi nach der Schule vorbei, um etwas zu trinken. Zwischendurch stellte sie auch Sirup und Becher dazu, damit die Kinder auch etwas süsses zum Trinken haben. Bei dieser Gelegenheit schauten ihr die Kinder bei der Arbeit zu und erzählten auch von sich selbst. Leider ist es jetzt schon weniger geworden, dass die Kinder vorbeikommen. Viele nehmen es gar nicht mehr wahr oder wissen nicht, dass man rein gehen darf.
Rahel Sonderegger hat noch einen Traum. Sie möchte in der Schweiz ihre eigenen Kleidungsstücke produzieren. Sie möchte ein Geschäft führen mit Leuten, die sie kennt und möchte sie auch gut entlöhnen. Sie möchte, dass die Leute genug verdienen. Die Mitarbeiter sollten auch fair behandelt werden und ihren Spass haben, ihre eigenen Modelle zu produzieren. Das Gebäude sollte etwa 3 Etagen hoch sein und aus Glas bestehen. Man sollte den Menschen beim Arbeiten zuschauen können, um auch zu sehen, was sie für eine tolle Arbeit leisten.